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Thomas Glavinic

ESSAY: DER ROMAN

Thomas Glavinic über das Handwerk des Romans

 

Was steckt hinter dem Handwerk des Romans? Welche Rolle spielt der kleine Michel aus Lönneberga und was ist eigentlich ein Roman?

Lesen Sie den Beitrag von Thomas Glavinic, den er für Heft 4/2008 der Literaturzeitschrift AKZENTE zum Thema »Roman« geschrieben hat.

Die Arbeit der Nacht (Foto: Hanser Verlag)

  1. Wenn ich über Literatur schreibe, ob über eigene oder fremde, erinnert das Ergebnis zumeist an die Invasion in der Schweinebucht. Es gelingt mir selten, rational zu erfassen, was den Kern der Dinge darstellt. Ich fliege wie ein Blinder durch die Bücher, die ich lese, ziehe jedoch auf mir selbst rätselhafte Weise Genuss daraus. Mit meinen eigenen geht es mir nur unwesentlich anders. Ich weiß, dass ein Zug gut ist, sagte der kubanische Schachweltmeister Capablanca, aber ich weiß nicht, warum. Wenn ich sage, ich habe keine Ahnung, warum ich dieses oder jenes schreibe, aber ich glaube zu wissen, dass es so sein muss, so klingt dieser Satz vermutlich zum Erbarmen. Aber er ist die Wahrheit, und mit der muss ich leben, denn Wahrheit, nein, Ehrlichkeit ist die Grundtugend des Erzählers, Ehrlichkeit dem Stoff und sich selbst gegenüber.
  2. Ich zitiere gern mit einiger innerer Verzweiflung den Satz Charlie Chaplins, nach dem ein Künstler, der seine Kunst ganz versteht, kein Künstler ist, sondern ein Kunsthandwerker. Denn ich habe noch nie eines meiner Bücher umfassend verstanden, und der Satz Chaplins wiegt mich in der Illusion, sogar bei mir könnte es sich um jemanden handeln, der nicht tippt, sondern schreibt.
  3. Und außerdem ist es mir egal, was meine Bücher bedeuten. Ich muss sie nicht verstehen. Ich mag sie, weil sie mein anderes Ich sind, ich bin froh, sie geschrieben zu haben, aber ich habe keine Ahnung, was für Geister durch sie marschieren. Ich weiß nur, dass welche da sind.
  4. Ich habe das Gefühl, in der Literatur geht es letztlich nicht um Stil. In der Literatur geht es auch um Stil. Es geht nicht um Handlung, es geht auch um Handlung. Ich denke, die Atmosphäre eines Romans zeigt, wozu er imstande ist. Die Atmosphäre ergibt sich auch aus dem Stil, auch aus der Handlung, aber da ist natürlich noch etwas. Die Atmosphäre ist gewissermaßen der Bote dessen, was hinter dem Erzählten liegt. Die Atmosphäre ist das, was vom Wesentlichen des Romans ausgeschickt wird, was im Gegensatz zum Dahinter fassbar erscheint.
  5. Als ich sieben Jahre alt war, bekam ich zu Heiligabend Huckleberry Finn geschenkt. Ich blieb unter dem Weihnachtsbaum liegen und las. Die Erwachsenen wurden immer betrunkener und vergaßen mich. Um ein Uhr früh hatte ich das Buch zu Ende gelesen. Jeder Schriftsteller ist zunächst einmal ein Leser (das stimmt nicht ganz; wenn man ein Schriftsteller ist, ist man auch schon als Fünfjähriger ein Schriftsteller, nur eben ohne zu schreiben), und ich lag mit heißen Ohren unter dem Weihnachtsbaum und dachte mir: Lieber Gott, bitte mach einen Schriftsteller aus mir.
  6. Ich werde im Übrigen nie wissen, ob das Gebet geholfen hat. Literaturwissenschaftler hat es jedenfalls keinen aus mir gemacht, aber darum habe ich auch nicht gebeten.
  7. Das Wesen von Huckleberry Finn finde ich in seiner Atmosphäre. Das Wesen des Buches ist für mich Freiheit. Gezeigt wird sie durch den Mississippi. Die Atmosphäre des ganzen Buches entsteht durch den Fluss, der diesen Roman durchströmt, der etwas Lebendiges ist und etwas Großes, Erhabenes. Etwas, das größer ist als alle Menschen, von denen das Buch handelt.
  8. Das Wesen von Franz Kafkas Prozess erkenne ich in seiner Atmosphäre. Das Wesen von Hundert Jahre Einsamkeit erkenne ich in seiner Atmosphäre. Das Wesen von Die wilden Detektive, das Wesen von Train Dreams erkenne ich in seiner Atmosphäre. Atmosphäre ist aus einer Sprache in die andere übertragbar. Der Satz, nach dem die würdigsten Bücher unübersetzbar sind, stimmt nicht. Ein großer Roman kann sehr wohl übersetzt werden. Seine Handlung ist wichtig, sein Stil ist wichtig, aber beides ist nicht allein entscheidend.
  9. Ich glaube daran, dass ich mich in den Hinterkopf meines Lesers schreiben kann. Ich glaube, dass ich als Autor im Text Signale an das Unbewusste des Lesers schicken muss.
  10. In meinem Roman Die Arbeit der Nacht, in dem die Hauptfigur Jonas sich als letzter Mensch auf der Welt wiederfindet, taucht sechsmal der Begriff Werkstoff auf. Beim ersten Mal, auf Seite 42, sieht Jonas auf der Straße einen umgestürzten Lastwagen, dessen Ladung aus Werkstoff besteht. Knapp siebzig Seiten später liest er im leeren Postamt einen willkürlich aus einem Sackwaggon gezogenen Brief, in dem die Bezahlung einer Ladung Werkstoff eingemahnt wird. Im nächsten Kapitel riecht es in einem Kellerabteil durchdringend nach Getreide, woraus Jonas schließt, dass in einem der Abteile noch immer eine kleine Ladung Werkstoff lagert, mit dem die alten Leute trotz allem noch immer gern im Winter ihre Fenster abgedichtet hatten. Beim vierten Mal steigt ihm der beißende Geruch von Werkstoff in die Nase, von dem er meint, er habe sich in den vergangenen vierundzwanzig Stunden verstärkt. Danach wird noch zweimal der durchdringende Geruch von Werkstoff erwähnt.
  11. Werkstoff an sich ist gar nichts oder alles Mögliche. Was soll das auch sein? Wohl nur wenige Leser fragen sich an all diesen Stellen bewusst, was gemeint ist. Der Lastwagen hat Werkstoff geladen? So sei es. Eine Ladung Werkstoff ist nicht bezahlt worden, der Leser liest weiter. Es riecht nach Werkstoff? Wird sich aufklären, er liest weiter. Und vergisst es. Aber es ist da, im Kopf des Lesers ist dieser Werkstoff aufgetaucht, der Leser weiß, dass es da etwas gibt, das er nicht versteht. Werkstoff ist ein Rätsel, das dem Leser nur halb bewusst werden soll.
  12. 12. Der Werkstoff irritiert. In Die Arbeit der Nacht soll sich der Leser unsicher fühlen, ohne zu wissen, warum er muss nicht einmal merken, dass er sich unsicher fühlt. Denn das ist ein Thema des Romans: der Horror, am Leben zu sein und zu wissen, dass da draußen Milliarden von Menschen, Teufeln, Dämonen und Geistern sind, und dass jedes Individuum viel Glück braucht, um von ihnen allen verschont zu bleiben. Nur einer von ihnen muss sich entscheiden, einem das Leben zur Hölle zu machen, und es wird zur Hölle. Die Drohung ist stärker als ihre Ausführung (Tartakower): Die Hölle kann schon der falsche Gedanke zum falschen Zeitpunkt sein. Jeder Mensch marschiert vom ersten Tag seines Lebens an aus dem Schützengraben heraus auf die feindlichen Stellungen zu, und jedem pfeifen unsichtbare Kugeln um die Ohren. Einige werden früher getroffen, andere später. Getroffen werden alle. Davon handelt Die Arbeit der Nacht, und der Werkstoff soll daran erinnern.
  13. Die Arbeit der Nacht ist in mehrere Abschnitte unterteilt. Ein Abschnitt hat die Kindheit zum Thema. Jonas fährt nach Kanzelstein in die Berge, wo er mit seiner Familie als Kind Urlaub gemacht hat. An diesem Ort gibt es nur zwei Häuser: das Ferienhaus selbst sowie nebenan ein Gasthaus, mit dessen Besitzern Jonas´ Familie gut bekannt war. Diese Wirtsleute tragen den Namen Löhneberger. Es gibt einen Holzschuppen, in dem Jonas als Kind gespielt und Männchen geschnitzt hat. In der Küche kommt ihm eine Suppenterrine bekannt vor, er ist sich sicher, daraus einst gegessen zu haben, sie ist so tief und breit, dass er fast den Kopf hätte hineinstecken können. Er erinnert sich an eine Magd, die Lotte geheißen und gehinkt hat. Er erinnert sich an den Tag, an dem er zum Helden geworden war: Leo, der Aushilfskellner, hat sich beim Holzhacken verletzt und bekommt Blutvergiftung. Das Tal ist eingeschneit, die Telefonverbindung unterbrochen, das Funkgerät defekt. Niemand kann eine Nachricht absetzen. Der kleine Jonas repariert das Funkgerät, die Nachricht geht hinaus, der Hubschrauber landet bald darauf vor dem Haus, und der Kellner wird gerettet.
  14. Diese Geschichten funktionieren auf mehreren Ebenen. Es spielt keine Rolle, ob man alle versteht. Aber manche Leser werden bewusst, halb bewusst oder ganz unbewusst etwas wieder erkennen, nämlich die Geschichte eines kleinen Jungen, der, wenn er wieder etwas angestellt hat, in einer Scheune sitzen muss, wo er Männchen schnitzt. Der einmal den Kopf in eine Suppenschüssel steckt und ihn nicht mehr herauskriegt. Dem ein hinkendes Huhn gehört, das den Namen Hinke-Lotta trägt. Der zum Helden wird, als Leo, der Knecht, sich beim Schnitzen in die Hand schneidet und Blutvergiftung bekommt der kleine Michel bringt ihn mit seinem Pferd nachts durch den Tiefschnee zum Arzt. Der kleine Michel aus Lönneberga.
  15. Für das umfassende Verständnis des Romans spielt es tatsächlich keine Rolle, ob man als Kind Astrid Lindgrens Michel gelesen hat oder nicht. Wenn nicht, merkt man nichts. Wenn ja, sickert etwas in den Hinterkopf.
  16. Fast das ganze Buch über kämpft Jonas gegen den Schläfer, die Person, die er in der Nacht ist, die ihm auf Videos, die er von sich selbst nachts aufzeichnet, sehr aggressiv, ja feindselig entgegentritt, die er ist und doch nicht. Das Motiv spielt das ganze Buch über eine Rolle, doch nur ein bestimmter Abschnitt des Romans hat Spaltung und Verdopplung zum Thema. In einer Szene besucht Jonas die Wohnung, in der er seine Kindheit verbracht hat. In der Toilette entdeckt er neben dem Spülkasten zwei Sätze, die er selbst in seiner Kindheit an die Wand geschrieben hat. Sie lauten: Ich und der Fisch. Der Fs. Und es folgt der Satz: Der sowie das F und das s von Fisch waren durchgestrichen. Viele Leser werden darüber einfach hinweg gehen. Wer das nicht tut, wird lesen, was Jonas liest: Ich und ich.
  17. Ich glaube, dass dieses Ich und ich auch vom eiligen Leser wahrgenommen wird. Ich glaube, dass eine Ahnung davon bleibt, ein Echo, etwas, was man wahrnimmt und doch nicht, was kurz da ist, was wir kurz sehen, und dann verschwindet es in uns wohin auch immer. Wir werden es vielleicht nie wieder finden. Doch es ist da.
  18. Der Fisch, griechisch ichthys, steht in der christlichen Symbolwelt für Jesus Christus. I steht für Jesus, Ch für Christus, Th für Theos Gott, Y für Yios, Sohn, und S für Soter, Retter, Helfer, Bringer des Heils. Ichthys, der Fisch, bedeutet: Jesus Christus Gottes Sohn und Helfer. Und das steht an der Wand in dieser Toilette aus seiner Kindheit: Der Fisch wird zu Jonas, Gott ist nur noch in Jonas, der schon zwei Personen ist, er und er, und in Wahrheit vor allen Dingen eins: von Gott verlassen. Gott ist nicht mehr in Jonas. Oder doch?
  19. Nach einer Lesung kam eine Nonne zu mir. Ich erklärte ihr, ich halte Jonas für jemanden, der möglicherweise von Gott verlassen ist. Sie lachte und sagte: Das gibt es gar nicht.
  20. Ein wenig beneide ich diese Nonne und den Ausdruck der Gelassenheit und Sanftheit in ihrem Gesicht.
  21. Ich glaube, dass ein Leser all diese Fische und Werkstoffe und kleinen Jungen in Holzschuppen nicht erlesen muss und dennoch wahrnimmt.
  22. Jonas fährt schließlich nach Schottland, wo seine Freundin Marie gerade ihre Schwester besucht hat, als alle Menschen verschwunden sind. Er sucht nach ihren Spuren, nach dem, was sie zurückgelassen hat what you leave behind. Er steht vor dem Haus und denkt über Zeitgenossenschaft nach, über Mitmenschen, darüber, dass es Zufall ist, mit wem man gleichzeitig lebt (kurz vor Ende des Buches kehrt dieses Motiv ein letztes Mal wieder, als Jonas, während er vom Stephansturm fällt, erkennt: Zeit ist kein Nacheinander, Zeit ist ein Nebeneinander.). Er denkt darüber nach, ob ihm Marie bestimmt war, oder ob vielleicht 40 Jahre später oder 500 Jahre früher eine Frau gelebt hat, gelebt hätte, die für ihn bestimmt gewesen wäre. Er denkt über Berühmtheiten nach, darüber, dass er manchen Menschen einfach dankbar dafür war, dass sie seine Zeitgenossen (gewesen) waren, und dass er es ihnen gern gesagt hätte. Darauf geht er zur Tür des Hauses, in dem Maries Schwester und ihr Mann gewohnt haben, und liest an der Gegensprechanlage die Namen der Bewohner.
    T. Gane/ L. Sadier
    P. Harvey
    R. M. Hall
    Rosy Labouche
    Peter Kaventmann
    F. Ibanez-Talaverá
    Hunter Stockton
    Oscar Kliuna-ai
    P. Malachias
    Das war der Name. Malachias. So hieß der Mann, der Maries Schwester geheiratet hatte. Der Küster.
  23. Dies alles ist zunächst einmal ein halb privates Vergnügen des Autors aber nicht nur. Tim Gane und Laetitia Sadier sind die prägenden Mitglieder der Rockgruppe Stereolab, deren psychedelischen Melodien seit fünfzehn Jahren in meinem Kopf sind, wenn ich schreibe. P. Harvey ist die Rocksängerin Polly Jean Harvey. R. M. Hall ist der Musiker Richard Melville Hall, Künstlername Moby. Rosy Labouche ist eine sehr schrille Figur in Der Supercop mit Terence Hill. Francisco Ibanez-Talaverá ist der Schöpfer und Zeichner der Clever und Smart-Comics, die in ihrem Heimatland Spanien als Mortadelo und Filemon erscheinen und auch in Die Arbeit der Nacht auftauchen, als Personen, mit denen Jonas gern zusammen wäre, weil sie unsterblich sind. Hunter Stockton ist Hunter S. Thompson, dem ich auf diese Weise einen Gruß ausrichten wollte, ob tot oder nicht. Kliuna-ai ist wieder ein Scherz, so heißt die Indianerin, in die sich bei Karl May Old Shatterhands Freund Sam Hawkens kurzfristig verliebt; der Name bedeutet bei den Apatschen Mond. Wichtig sind die zwei verbliebenen Namen, Kaventmann und Malachias.
  24. Ein Kaventsmann ist eine aus dem Nichts auftauchende Riesenwelle, die eine Höhe von 30 Metern erreichen und ganze Schiffe verschlingen kann. Im Gegensatz zum Tsunami (Hafenwelle) gibt es sie nur auf dem offenen Meer.
  25. Ich glaube, dass diese gigantische Wasserwand dem Leser unbewusst bewusst wird. Ich glaube, sie ist in seinem Hinterkopf. Und wenn sie nicht in seinem Hinterkopf sein kann, weil er den Begriff Kavent(s)mann nicht kennt, glaube ich, dass die Wasserwand auf metaphysische Weise dorthin gelangt. Der Leser muss es nicht wissen. Er muss es nicht verstehen. Es ist trotzdem in ihm. Und verunsichert ihn beim Lesen.
  26. Malachias hieß ein Bischof und späterer Heiliger aus dem 12. Jahrhundert, dem verschiedene Weissagungen zugeschrieben werden (die vermutlich wirklich nicht von ihm stammen), deren bekannteste die Voraussage aller Päpste ist (die 111 Papstweissagungen). Sie reicht bis in unsere Gegenwart und weiter. De labore solis bezieht sich auf Johannes Paul II., De gloria olivae auf Benedikt XVI. Für die Zeit danach sagt Malachias nur noch einen Papst voraus. Danach darf man entweder das Ende des Papsttums oder der Kirche erwarten. Bestenfalls.
  27. Der letzte Papst ist in der Arbeit der Nacht nach der apostolischen Sukzession Jonas selbst.
  28. Ich glaube nicht, dass viele Menschen Malachias kennen. Ich glaube trotzdem, dass er im Hinterkopf des Lesers wirkt. Auch so entsteht Atmosphäre.
  29. Einer meiner Übersetzer sandte mir kürzlich ein Email mit Fragen und Anmerkungen zum Roman. Im Zusammenhang mit dem Mann von Jonas´ Schwester (Malachias!), der bei mir ein Küster ist, also ein Kirchendiener, schrieb er: die einen Küster geheiratet hatte… Sexton sounds a rather unlikely profession for the English husband of a German girl. I have provisionally called him an English civil servant. Und auf die oben stehende Liste der Namen bezogen schrieb er: The list of residents. I have taken the liberty of modifying the names a little and inserting a couple of Scottish ones.
  30. Ich las dies mit Grimm.
  31. Ich glaube dennoch, dass ein Übersetzer ein Buch nicht restlos ruinieren kann. Ich glaube, dass der Roman übertragbar ist, denn Spiegel seines Wesens ist die Atmosphäre, die das Unsagbare hinter den bloßen Worten verdeutlicht, das, was sein Kern ist, das, worum es geht, im Roman und in der Welt.
  32. Jonathan Franzen schreibt in Die Unruhezone über seinen Germanistik-Professor. Dieser Professor sagt über Franz Kafka und den Prozess: Aber Kafka handelt von Ihrem Leben! () Kafka war wie wir. Diese Schriftsteller, das waren alles Menschen, die nach dem Sinn ihres Lebens suchten. Vor allem aber Kafka! Kafka hatte Angst vor dem Tod, er hatte Probleme mit Sex, er hatte Probleme mit Frauen, er hatte Probleme mit seiner Arbeit, er hatte Probleme mit seinen Eltern. Und er schrieb Literatur, um mit diesen Dingen klarzukommen. Davon handelt dieses Buch. Davon handeln alle diese Bücher. Von Menschen aus Fleisch und Blut, die dem Tod und der modernen Welt und dem Durcheinander ihres Lebens einen Sinn zu geben versuchen.
  33. Jonathan Franzens eigene Worte über Kafka: () half mir schließlich, alle drei Dimensionen bei Kafka zu verstehen: dass ein Mann ein liebenswertes, sympathisches, belustigend bedürftiges Opfer und ein schlüpfriger, wichtigtuerischer, nachtragender Langweiler sein konnte und, was entscheidend war, noch etwas Drittes: ein flackerndes Bewusstsein, eine Gleichzeitigkeit von sträflichem Trieb und bitterem Selbsttadel, ein Mensch im Prozess.
  34. Ich bin nicht Kafka. Ich bin ein Pygmäe neben Kafka. Aber darum geht es auch in meinen Büchern: um das flackernde Bewusstsein und um den Prozess. Ich will beides erzählen und glaube, dass es dazu notwendig ist, über die Atmosphäre mit dem Unbewussten des Lesers zu kommunizieren.
  35. Was ist ein Roman? Roman, das ist mehr als eine Gattungsbezeichnung. Roberto Bolanos Erzählband Der unerträgliche Gaucho hat all das, was einen Roman ausmacht (ich weiß leider nicht genau, was das ist). Es ist eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe, und in meiner Vorstellung ist es ein Roman. Ein Roman kann ein Wunder sein, ein Roman kann ein Erzählband sein und trotzdem ein Roman. Ein Roman kann alles und darf alles.
  36. Für einen Schriftsteller ist es von Vorteil, umfassend gebildet zu sein. Kenntnisse in Chemie, Biologie, Philosophie, Geschichte sind hilfreich. Zwingend notwendig sind sie nicht. Zwingend notwendig sind zwei Dinge: Ein Schriftsteller muss das Große Geheimnis kennen, und er muss die Dinge erkennen, wie sie sind.

Dieser Text  ist in Heft 4/2008 der Literaturzeitschrift AKZENTE zum Thema »Roman« erschienen. Mit Beiträgen von Miguel de Cervantes, Gustave Flaubert, Wilhelm Genazino, Thomas Hettche, Wolfgang Matz, Herman Melville, Martin Mosebach, Milan Kundera, Kathrin Schmidt, Hans-Ulrich Treichel sowie einem Gespräch zwischen Ingo Schulze und Norbert Niemann.

Dieser Text erscheint in Heft 4/2008 der Literaturzeitschrift AKZENTE zum Thema »Roman«