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Thomas Glavinic

Interview: »Es sind meine Ängste«

Ein Gespräch mit Thomas Glavinic

von Klaus Nüchtern

Neigen Sie eigentlich eher zu Voyeurismus oder zu Vandalismus?
Ich glaube, daß die in Wirklichkeit eng verwandt sind.

Wie das?
Keine Ahnung, ich sage es nur deswegen, weil ich sowohl dem einen als dem anderen zuneige. Ich bin mir ziemlich sicher, als Kind den anderen immer die Sandburgen zerstört zu haben. Dann habe ich ihnen wohl beim Weinen zugesehen.

Was ist für die Triebstruktur Ihres jüngsten Romans wichtiger?
Etwas anderes: die obsessive Angst. Ich bin allerdings ganz schlecht, wenn es darum geht, meine Romane zu verstehen – und noch schlechter im Erklären.

Entstehen Ihre Bücher eigentlich auf ähnliche Weise?
Der Kameramörder
ist mir im Traum eingefallen, und ich habe das Buch innerhalb von sechs Tagen geschrieben. Es gibt diesen schönen Satz von Truman Capote, demzufolge jedem Schriftsteller ein Buch von Gott geschenkt wird, das sich von selbst schreibt – und das war bei mir leider nur ein 157-Seiten-Buch und kein Monumentalwerk. Bei Die Arbeit der Nacht war es ähnlich, eine Idee im Halbschlaf; ich schlafe übrigens nicht sehr gut und habe ziemlich viel Alpträume. Eines Nachts blickte ich aus dem Fenster, und alles war still, tot. Normalerweise fahren auf der Brigittenauer Lände auch mitten in der Nacht Autos. Also begann ich zu überlegen: Was ist, wenn es plötzlich niemanden mehr gibt?!

Um gleich bei den Alpträumen zu bleiben, darf ich Ihnen eine Frage aus der grandiosen englischen Serie Extras“ stellen: Würden Sie lieber ohne Haare oder ohne Zähne aufwachen?
Das erste kenne ich ja schon! Naja, beinahe. Keine Zähne zu haben wäre wohl schlimmer. Ich könnte mir allerdings noch viel, viel üblere Situationen des Erwachens vorstellen.

Auch Jonas, dem Protagonisten Ihres Romans, fehlen über Nacht plötzlich ein paar Zähne – ziemlich heftig.
Vor allem, weil er weiß, wer es war. Das ist in diesem Fall wohl das Schrecklichste daran.

Man soll mit psychiatrischer Begrifflichkeit vorsichtig sein, aber es hat was von Schizophrenie …
Es kommen in dem Roman einfach zwei Motiv-Welten zusammen: einerseits Robinson Crusoe und andererseits Jekyll und Hyde. Diese Verbindung hat es meines Wissens so noch nicht gegeben, und vor allem: In dem Moment, in dem jemand sich nicht einmal mehr selbst hat, ist er wirklich einsam.

Jonas geht damit eigentlich ziemlich gelassen um.
Er bleibt recht cool. Ich würde in der Situation durchdrehen.

Das erinnert ein wenig an zeitgenössische Horrorfilme wie The Others oder Sixth Sense, die genau mit dieser Logik spielen.
Sixth Sense
habe ich die ganze Zeit über nicht kapiert – erst am Schluß.

Das ist ja der Witz an der Sache – jeder fällt drauf rein!
Aber eigentlich ist es so naheliegend. Ähnlich wie The Usual Suspects – ein wirklich toller Film. Das mag allerdings auch an Kevin Spacey liegen, den ich sehr verehre.

Wie haben Sie das Ihren Stoff denn erzähltechnisch gelöst? Der Roman ist in der dritten Person geschrieben und doch auch stark von einer Außenperspektive bestimmt – es gibt zum Beispiel keine inneren Monologe.
Es ist trotzdem eine personale und keine auktoriale Erzählsituation: Der Leser sieht alles nur aus der Perspektive des Protagonisten, weiß nur, was dieser weiß.

Stehen solche Entscheidungen von Anfang an fest? Ich nehme an, Sie haben sich zum Beispiel sehr schnell entschieden, die Ausgangssituation – daß es außer Jonas keine Menschen mehr auf der Welt zu geben scheint – nicht zu erklären?
Oh, da gibt es durchaus einige erklärende Hinweise. Es war mir zwar sehr viel von Beginn an klar, aber dennoch hat sich auch sehr viel erst am Schreibtisch entwickelt. Der Schläfer“ zum Beispiel ist mir passiert.

Wie erklärt man den Schläfer“ Leuten, die den Roman noch nicht gelesen haben?
Schwierig.

Jonas führt im Schlaf eine Art Doppelleben, in dem er sich selbst auf sehr aggressive und verstörende Weise gegenübertritt.
Nicht schlecht.

Und der ist Ihnen passiert.“ Aber was heißt das? Wie soll denn Literatur sonst funktionieren, als dass man während des Schreibens etwas erfindet?
Daß einem etwas, was für den ganzen Roman so entscheidend ist, erst beim Schreiben einfällt, ist jedenfalls in meiner Arbeit untypisch. Bis dahin ging ich davon aus, dass das Buch einen Umfang von 150 Seiten haben würde – am Ende waren es zunächst 600. Wie man sieht, habe ich einiges gestrichen. Auch dass es eine echte Horrorgeschichte werden würde, habe ich nicht von Anfang an geahnt. Schließlich ist es auch noch, so hoffe ich, ein zartes Buch geworden, ein Liebesroman, in dem es um Liebe in einem metaphysischen Sinn geht.

Wie lange haben Sie an dem Roman gearbeitet?
Alles in allem zweieinhalb Jahre. Die Geburt meines Sohnes kam dazwischen, da konnte ich eine Zeitlang nicht sehr viel schreiben, bin dann aber wieder dazu übergegangen, jeden Tag zu arbeiten.

Sind Sie an einen bestimmten Arbeitsrhythmus gebunden?
Ja, ich bin ein Beamter: Kurzes Frühstück, kein Fernsehen, keine Tageszeitung … Dann überarbeite ich meine zwei Seiten vom Vortag und schreibe zwei neue – und zwar auf einer mechanischen Schreibmaschine.

Wieso das?
Weil man da viel genauer ist: Es ist unglaublich mühselig, so zu arbeiten. Also überlege ich mir wirklich jeden Satz fünf oder fünfzig Mal, bis ich ihn niederschreibe. Beim Computer werde ich zu leicht zu schnell. Wenn man erst nach fünf Sätzen draufkommt, dass etwas nicht stimmt, wird es schon wieder schwierig, den ganzen Absatz zu reparieren. Erst die dritte Fassung kommt in den Computer und wird dann noch mehrmals überarbeitet.
Dieses Buch hat mich psychisch sehr mitgenommen: Nach dem Schreiben habe ich eine Zeitlang täglich ein paar Gläser Wein getrunken – was ich sonst nie mache. Es war wirklich nicht immer angenehm, mich all diesen Ängsten zu stellen. Da habe ich wieder einmal gemerkt, was für eine wunderbare Frau ich habe. Eine andere hätte gesagt: »Bist du verrückt geworden, dich um vier Uhr Nachmittag zu betrinken?!« Sie hat das verstanden.

Dadurch, dass es keine anderen Figuren, keine soziale Interaktion und keine Arbeitssituation gibt, weiß man über Jonas eigentlich ziemlich wenig.
Auch über Gregor Samsa weiß man ziemlich wenig. Ich wollte keinen realistischen Roman schreiben, bei dem es wichtig ist, wann der Protagonist maturiert hat und in welchen Sportverein er geht. Auf den ersten fünfzig Seiten hatte ich zunächst auch das Problem, dass ich Jonas dauernd Wohnungstüren aufbrechen ließ, bis ich mir dachte: wozu? Dann sind sie eben offen. Ich muss das gar nicht erklären. Weil es nicht wichtig ist und weil es um völlig andere Dinge geht.

Was versucht man denn überhaupt zu erklären? Sie sind ja auch recht großzügig mit der Schnitttechnik: Von einen auf den anderen Absatz ist Jonas in einer anderen Wohnung.
Das ist nichts Besonderes: Er ist nicht gerade hier und im nächsten Absatz in Kassel, sondern eben in einem anderen Wiener Bezirk.

Die Arbeit der Nacht ist auch ein Wien-Roman.
Vielleicht – aber aus einem anderen Grund, als viele glauben würden. Für diese Geschichte ist es nämlich völlig egal, welchen Ort man wählt. Wenn die Welt leer ist, spielt es auch keine Rolle mehr, ob man in Wien, Berlin, London oder New York ist. Also habe ich die Stadt genommen, die ich am besten kenne.

Das Buch spielt hauptsächlich in drei Bezirken …
… in denen ich wohne oder gewohnt habe, weswegen ich mich im zweiten, im fünften und im zwanzigsten Bezirk eben ganz gut auskenne.

Wir sitzen hier im zweiten Bezirk in der Raimundgasse. Sie haben zwei Gassen weiter, in der Nestroygasse, gewohnt. Wenn man Ihrem Roman glaubt, muss diese Gegend das Wiener Epizentrum des Mopedfahrertums sein – das wär‘ mir nicht aufgefallen.
Da hat sich der Autor natürlich gewisse Freiheiten erlaubt, denn so viele DS 50, wie Jonas da findet, gibt es in ganz Wien nicht.

Ich würde eine DS 50 gar nicht erkennen.
Das tut man auch nur, wenn man selber mit 16 damit gefahren ist. Es ist wirklich ein sehr charmantes Moped, weil es nicht einer bestimmten Gruppe zugeordnet ist. Für einen 16-jährigen, der weder als Rocker noch als Popper gelten will, ist das ziemlich wichtig!

Von Jonas, der ziemlich viel in diversen Autos unterwegs ist, wird behauptet, dass er kein Autonarr sei – wie ist das mit Ihnen?
Für Autos interessiere ich mich nicht, aber ich bin ein Geschwindigkeitsfreak – weswegen ich auch jetzt gerade unter meinen beim Skifahren lädierten Rippen leide. Das Adrenalin ist mit mir durchgegangen. Kommt leider ab und zu vor.

Beim Skifahren?
Auch.

Sie sind Adrenalin-Junkie?
Nein, es geht wirklich um Geschwindigkeit. Ich würde nie an einem Seil von einer Brücke springen.

Ist doch auch Geschwindigkeit?
Nein. Ach, die erreichen maximal 90 km/h. Das ist ein ganz anderes Gefühl, als mit einem Motorrad über die Bundesstraße zu rasen. Aber schon mit neunzehn Jahren habe ich begriffen: Dabei kannst du draufgehen, und zwar nicht, weil du einen Fehler machst, sondern weil dich ein Lastwagen übersieht. Viele meiner Freunde haben Unfälle gehabt, einer ist im Koma gelegen, ein anderer gestorben. Also habe ich mir gedacht: Ein Mazda 323 ist auch etwas Schönes.

Ein weiteres Interview mit Thomas Glavinic zu Die Arbeit der Nacht ist auf der Website des Standard zu lesen: „Ich schlafe selten ohne Licht„.