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Thomas Glavinic
Eine irrwitzige Flucht in die virtuelle Welt - Thomas Glavinic bloggt

Leseprobe aus »Das größere Wunder«

Für Jonas hatte jede Zeit ihren eigenen Geruch, so wie sie auch eine eigene Stimmung und einige charakteristische Bilder hatte. Die Zeit, als er sieben oder acht war und lernte, dass das Leben nicht einfach sein würde, roch nach dem starken Filterkaffee seiner Mutter.

Es war jene Zeit, in der er unglücklich war, wenn er in der Schule sitzen musste, weil er dann nicht auf seinen Bruder aufpassen konnte. Mike besuchte den Kindergarten, obwohl er gleich alt war wie Jonas, auf den Tag genau. Bei seiner Geburt war etwas schiefgegangen, die Nabelschnur hatte sich um seinen Hals gewickelt und ihm zu lange die Luft abgesperrt, und nun konnte er weder bis drei zählen noch einen Hund von einer Katze unterscheiden.

Es gab niemanden auf der Welt, den Jonas so sehr liebte, nicht einmal Werner. Er dachte Tag und Nacht daran, wie er Mike beistehen konnte, wie er ihn vor den Hänseleien anderer Kinder und vor der Wut seiner Mutter schützen konnte, der Wut seiner Mutter und der ihrer Freunde, die nichts übrig hatten für ein Kind, das dauernd in die Hose machte, mit dem Essen herumwarf und Haushaltsgeräte kaputtschlug. Und so kam Jonas jeden Morgen zu seiner Mutter in die Küche, wo es nach Kaffee roch, im Radio Volksmusik gespielt wurde und überall leere und halbleere Rotweinflaschen herumstanden.

»Mutti, ich habe gestern ein Glas aus dem Schrank genommen.«

»Na und? Stell’s wieder zurück.«

»Das kann ich nicht.«

»Wieso nicht? Hast du es zerbrochen?«

»Es ist mir runtergefallen. Tut mir leid.«

»Du bist ein Idiot, weißt du das? Das wirst du von deinem Taschengeld bezahlen.«

»Entschuldige bitte.«

»Ach, verzieh dich.«

Jonas war jede Form von Beschimpfung oder Strafe lieber, als mit anzusehen, wie Mike gedemütigt wurde, wie er den Mund verzog und zu weinen begann. Jeder musste bemerken, dass Mike nicht verstand, was man von ihm wollte, aber seine Mutter bemerkte es nicht, sie nicht und ihre Freunde nicht, sie schimpften, sie schlugen zu, und Mike wehrte sich niemals.

Neugierig? Hier finden Sie das komplette zweite Kapitel aus dem Roman »Das größere Wunder« als Leseprobe zum Download im PDF-Format.

Leseprobe: Thomas Glavinic, Das groessere Wunder (PDF-Datei, 126 kByte)

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